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Lebendig fühlt man sich immer dann, wenn man über den Rand der bisherigen Erfahrung hinausgeht, dort wo die Angst vor dem Unbekannten beginnt. Mitunter versetzt einem die Welt einen kleinen Tritt und stösst einen hinaus in Regionen, die zu erkunden man bislang nicht den Mut hatte. Man sieht sich um - und begreift staunend, welche Möglichkeiten dem eigenen Leben tatsächlich innewohnen.

„Könnte tiefe Meditation vielleicht genau der Vorgang sein – vielleicht der einzige Vorgang –, bei dem Menschen manchmal den globalen Hintergrund des Erlebens in die Gestalt verwandeln können, in das dominierende Merkmal des bewussten Erlebens selbst? Diese Annahme würde sehr gut zu einer intuitiven Vermutung passen, die viele andere führende Forscher hegen, unter ihnen auch Antoine Lutz – nämlich, dass man in derartigen Bewusstseinszuständen die grundlegende Subjekt-Objekt-Struktur des Erlebens transzendieren kann.“

  • Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel

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Innere Freiheit: weder in Hoffnung, noch in Furcht zu sein.

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Freiheit: „Franziskus entledigte sich [...] vor den Augen des Bischofs und einer großen Menge Zuschauer aller seiner Kleider und entsagte dem Erbe mit den Worten: Weder Geld noch Kleider will ich von dir, von jetzt an nenne ich nur noch einen Vater, den im Himmel! Er rannte nackt aus der Stadt und verabschiedete sich so von Herkunft und Gesellschaft.“ (aus: Ökumenisches Heiligenlexikon, Stuttgart, 2003)

Nach dem Selbstmord meiner Schwester im Jahr 2000 begab ich mich in Psychotherapie, auch weil ich die Belastungen meiner Herkunftsfamilie nicht unwissentlich an meine Söhne weitergeben wollte. Von dem man weiss, das kann man lenken... Der Therapeut, den ich damals mehrfach im Jahr aufsuchte, hatte seine Praxis im südlichen Bayern, nicht weit von den Alpen. Auf einer der Zugfahrten dorthin fiel mir eine kroatische oder serbische Zeitung in die Hände. Sie zeigte eine Karikatur, die ich mir herausriss und lange im Geldbeutel trug. Sie wurde zum geheimen Motto jener Jahre.

Dargestellt war links eine brennende Hundehütte und rechts ein Trupp von Feuerwehrleuten, den Löschschlauch in der Hand. Der rettende Wasserstrahl erreichte aber die Hütte nicht ganz. Warum? Weil der in der Hütte angekettete Hund die Feuerwehrleute wütend anbellte und nicht nahe genug heranliess. Mit anderen Worten: Er verhinderte seine eigene Rettung.

Während der Therapie, die in Zehnergruppen stattfand, konnte ich immer wieder beobachten, wie wir uns gegen die angebotene Hilfe wehrten - ein in Therapieen häufiges Phänomen übrigens. Die Schmerzen, die uns hierhergebracht hatten, mochten unangenehm sein. Sie hatten allerdings den Vorzug des Vertrauten. Wenn es sie nicht mehr gab - was gab es dann? Diejenigen unter uns, denen es so dreckig ging, dass bei ihnen nicht nur die Hütte, sondern schon der Pelz brannte, hatten es in der Hinsicht einfacher. Sie sprangen entschlossen ins Unbekannte, denn schlimmer als das Bekannte würde es nicht sein können.

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Brahms, der ein ungeheures Werk hinterlassen hat, über den schöpferischen Prozess (auch für einen Agnostiker wie mich überaus wertvolle Sätze, wenn ich mir vorstelle, hier spricht einer nicht von Gott sondern vom Unterbewusstsein):

„Wie Beethoven zu erkennen, daß wir eins sind mit dem Schöpfer, ist ein wunderbares, ehrfurchtgebietendes Erlebnis. Sehr wenige Menschen gelangen zu dieser Erkenntnis, weshalb es so wenige große Komponisten oder schöpferische Geister auf allen Gebieten menschlichen Bemühens gibt. Über dies alles denke ich immer nach, bevor, ich zu komponieren anfange. Dies ist der erste Schritt. Wenn ich den Drang in mir spüre, wende ich mich zunächst direkt an meinen Schöpfer und stelle ihm die drei in unserem Leben auf dieser Welt wichtigsten Fragen: woher? warum? wohin?

Ich spüre unmittelbar danach Schwingungen, die mich ganz durchdringen. Sie sind der Geist, der die inneren Seelenkräfte erleuchtet, und in diesem Zustand der Verzückung sehe ich klar, was bei meiner üblichen Gemütslage dunkel ist. Dann fühle ich mich fähig, mich wie Beethoven von oben inspirieren zu lassen. Vor allem wird mir in solchen Augenblicken die ungeheure Bedeutung der Offenbarung Jesu bewußt: »Ich und der Vater sind eins.«

Diese Schwingungen nehmen die Form bestimmter geistiger Bilder an, nachdem ich meinen Wunsch und Entschluß bezüglich dessen, was ich möchte, formuliert habe: nämlich inspiriert zu werden, um etwas zu komponieren, was die Menschheit aufrichtet und fördert - etwas von dauerhaftem Wert. Sofort strömen die Ideen auf mich ein, direkt von Gott. Ich sehe nicht nur bestimmte Themen vor meinem geistigen Auge, sondern auch die richtige Form, in die sie gekleidet sind, die Harmonien und die Orchestrierung. Takt für Takt wird mir das fertige Werk offenbart, wenn ich mich in dieser seltenen inspirierten Gefühlslage befinde. Ich muß mich im Zustand der Halbtrance befinden, um solche Ergebnisse zu erzielen - ein Zustand, in welchem das bewußte Denken vorübergehend herrenlos ist und das Unterbewußtsein herrscht, denn durch dieses, als einem Teil der Allmacht, geschieht die Inspiration. Ich muß jedoch darauf achten , daß ich das Bewußtsein nicht verliere, sonst entschwinden die Ideen.“

Manchmal passiert das auf steilen Abfahrten, dass der Belag innerhalb von Sekunden sehr viel schlechter wird, Asphalt zu Schotter zum Beispiel. Dann hängt man im Fritz: Bremst man das Rad, haut’s einen hin, bremst man es nicht, haut’s einen auch hin. Oft endet das mit Blut und Prellung. Mitunter aber geht’s auch gut: Dann findet man den süssen Grat zwischen Bremsen und Nichtbremsen, so eine Art liebevolles Halbbremsen, und kommt den Berg sicher runter. Dafür braucht es viel innere Ruhe, eine Art Grundvertrauen. Wenn man das in dem Moment nicht hat - haut‘s einen ganz sicher hin.

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Um sprachlich etwas von Wert zu schaffen, muss man alles  vergessen, was vorher war - jedes Buch, das man gelesen hat, jede Meinung, die man jemals über Literatur aufgeschnappt hat.

Die Sprache ist wie eine schwierige Geliebte: Sie lässt einen wochenlang vor ihrer Haustür warten. Die Leute reden schon; der Blumenstrauss in der Hand ist lange verwelkt. Wenn man am Ende nur noch wartet, weil das Warten selber zu Gewohnheit geworden ist und man nichts anderes mehr im Leben hat - öffnet sie plötzlich die Haustür und führt einen ist obere Stockwerk hinauf.  Das Glück, das einen dort erwartet, ist unbeschreiblich.

„Arbeit und Struktur“ von Herrndorf, am Rande des Todes geschrieben: das stärkste Stück deutscher Literatur, das ich seit Langem gelesen habe. Wenige Tage nach dem letzten Eintrag setzte er sich einen Revolver an den Kopf und drückte ab. Ein schlichtes Eisenkreuz markiert, so wie er es sich gewünscht hatte, den Ort seiner Selbsttötung.

Das Geschenk dieses Buches, das einen Gang in den Tod beschreibt, besteht darin, dass es einen rücksichtslos ins Leben stösst. Jetzt! Jetzt lebst du! Heute entscheidet es sich!

Kein Wort ist zuviel, keine Sentimentalität leistet sich der Autor, der doch - sterbenskrank, wie er war - mehr als andere das Recht dazu gehabt hätte.

Der Geburtstag 
Christoph Meckel


O rauschender Flügel hinter meinem Rücken, 
willkommen, weitwandernder Tag
mein herrlicher Juni
am grünen Morgen wiederkehrendes Jahr!

Was ich einst verlor an den Tod, ein Jahrhundert
Liebe und Honiglicht, den goldgefüllten
Knochen all meiner Zeit — du bringst ihn mir wieder
im Traum, und rollst ihn
vor meine Füße.

Kühl und frisch
wie die Haut der Kirsche
steigt das Jahr aus der Schneeflocke in den Baum
wenn weißer Neumond Gras vom Hügel sichelt
am grauen Faden die Regenspinne tanzt —
bin ich schon lange hier, so lange schon
dass du mich suchst unter Toten
am irdischen Tag?

Aus einem Abgrund Tau und Kirschenblut
funkeln die abgestiegenen Tage Azur
und Schleierkraut; die Wildtaube gurrt
das Echo der Sintflut im Kirschgarten, einst
polternd mit Scheunen
Kontinenten aus Brombeer und Harz
Ochsgebrüll und Rauschgold Sonne
in alter Mitternacht, und wilde Möhre
schwimmt vorüber im Wind, der mir aus Schlaf
ein Haus baut zwischen Bächen
grün und jung —

Du mit der Weinhaut
und dem tosenden Maul,
Hagelkorn atmend, warm wuchernden Mohn und Nacht! 
Kirschkerne gewittern auf dem Schindeldach
des Paradieses, das schimmert und staubt
von Rauschgold Sonne
Küssen und Heu
und den fliegenden Ozeanen im Kirschenbaum.

Schon lange hier, schon lang
in weit wandernder Zeit
da du mich suchst unter Toten, da Tollkirschblut
und Regenbogen den schweifenden Nebel
spinnt der blau verhängt des Todes Dornenstrauch,
der Sonne, Heu und Honigmond ertränkt
in Mahlströmen alten
schwarzen Kirschenwassers.

O rauschender Flügel hinter meinem Rücken!
Willkommen weit wanderndes Jahr
mein herrlicher Juni
am grünen Morgen wiederkehrender Tag —
was du einmal mir gabst und dem Tod nicht, ein Jahrhundert
Liebe und Honiglicht, den goldgefüllten
Knochen all meiner Zeit - ich bring ihn dir wieder
im Traum, bevor du mich suchst, und tot
einst unter Toten findest
am irdischen Tag.

Keine Reise war je abenteuerlicher: Wir legten uns hin, die Fenster wurden abgedunkelt. Das hechelnde Atmen begann. Nach fünfzehn Minuten waren die ersten Schluchzer zu hören; nach dreissig Minuten gab es niemanden, der nicht weinte, schrie, strampelte, sogar auf ihrer oder seiner Matratze um sich schlug. Dabei waren wir alle brave Angehörige der Mittelschicht, Ärztinnen, Architekten, Psychologinnen. Nachher, in der grossen Runde, bei wieder zurückgezogenen Vorhängen, las man in den Gesichtern der anderen, was die wohl auch im eigenen Gesicht lasen: Befreiung ist möglich.