„Arbeit und Struktur“ von Herrndorf, am Rande des Todes geschrieben: das stärkste Stück deutscher Literatur, das ich seit Langem gelesen habe. Wenige Tage nach dem letzten Eintrag setzte er sich einen Revolver an den Kopf und drückte ab. Ein schlichtes Eisenkreuz markiert, so wie er es sich gewünscht hatte, den Ort seiner Selbsttötung.

Das Geschenk dieses Buches, das einen Gang in den Tod beschreibt, besteht darin, dass es einen rücksichtslos ins Leben stösst. Jetzt! Jetzt lebst du! Heute entscheidet es sich!

Kein Wort ist zuviel, keine Sentimentalität leistet sich der Autor, der doch - sterbenskrank, wie er war - mehr als andere das Recht dazu gehabt hätte.

Der Geburtstag 
Christoph Meckel


O rauschender Flügel hinter meinem Rücken, 
willkommen, weitwandernder Tag
mein herrlicher Juni
am grünen Morgen wiederkehrendes Jahr!

Was ich einst verlor an den Tod, ein Jahrhundert
Liebe und Honiglicht, den goldgefüllten
Knochen all meiner Zeit — du bringst ihn mir wieder
im Traum, und rollst ihn
vor meine Füße.

Kühl und frisch
wie die Haut der Kirsche
steigt das Jahr aus der Schneeflocke in den Baum
wenn weißer Neumond Gras vom Hügel sichelt
am grauen Faden die Regenspinne tanzt —
bin ich schon lange hier, so lange schon
dass du mich suchst unter Toten
am irdischen Tag?

Aus einem Abgrund Tau und Kirschenblut
funkeln die abgestiegenen Tage Azur
und Schleierkraut; die Wildtaube gurrt
das Echo der Sintflut im Kirschgarten, einst
polternd mit Scheunen
Kontinenten aus Brombeer und Harz
Ochsgebrüll und Rauschgold Sonne
in alter Mitternacht, und wilde Möhre
schwimmt vorüber im Wind, der mir aus Schlaf
ein Haus baut zwischen Bächen
grün und jung —

Du mit der Weinhaut
und dem tosenden Maul,
Hagelkorn atmend, warm wuchernden Mohn und Nacht! 
Kirschkerne gewittern auf dem Schindeldach
des Paradieses, das schimmert und staubt
von Rauschgold Sonne
Küssen und Heu
und den fliegenden Ozeanen im Kirschenbaum.

Schon lange hier, schon lang
in weit wandernder Zeit
da du mich suchst unter Toten, da Tollkirschblut
und Regenbogen den schweifenden Nebel
spinnt der blau verhängt des Todes Dornenstrauch,
der Sonne, Heu und Honigmond ertränkt
in Mahlströmen alten
schwarzen Kirschenwassers.

O rauschender Flügel hinter meinem Rücken!
Willkommen weit wanderndes Jahr
mein herrlicher Juni
am grünen Morgen wiederkehrender Tag —
was du einmal mir gabst und dem Tod nicht, ein Jahrhundert
Liebe und Honiglicht, den goldgefüllten
Knochen all meiner Zeit - ich bring ihn dir wieder
im Traum, bevor du mich suchst, und tot
einst unter Toten findest
am irdischen Tag.

Keine Reise war je abenteuerlicher: Wir legten uns hin, die Fenster wurden abgedunkelt. Das hechelnde Atmen begann. Nach fünfzehn Minuten waren die ersten Schluchzer zu hören; nach dreissig Minuten gab es niemanden, der nicht weinte, schrie, strampelte, sogar auf ihrer oder seiner Matratze um sich schlug. Dabei waren wir alle brave Angehörige der Mittelschicht, Ärztinnen, Architekten, Psychologinnen. Nachher, in der grossen Runde, bei wieder zurückgezogenen Vorhängen, las man in den Gesichtern der anderen, was die wohl auch im eigenen Gesicht lasen: Befreiung ist möglich.

John Cage: „Wenn du anfängst zu arbeiten, sind sie alle da in deinem Arbeitszimmer - die Vergangenheit, deine Freunde, Feinde, die Kunstwelt, und, vor allem: deine eigenen Ideen. Alle sind sie da. Aber du konzentrierst dich, du arbeitest, und sie verschwinden alle nacheinander, bis du vollkommen alleine bist. Und dann, wenn du Glück hast, verschwindest auch du.“

Feiner, aber wesentlicher Unterschied: ein Gefühl zu unterdrücken oder aber es zu transzendieren. Aussen kaum bemerkbar, bedeutet er innen fast alles.

"Wenn eine Seite nun besonders hervortritt, sich der Menge bemächtigt und in dem Grade triumphiert, dass die entgegen gesetzte sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick im Stillen verbergen muss, so nennt man jenes Übergewicht den Zeitgeist, der dann auch eine Zeitlang sein Wesen treibt." - Goethe

Das Zentrum des Künstlers muss aus etwas Unbedingtem bestehen - aus etwas, das bereit ist, rücksichtslos gegen sich selber zu sein und zur Verwirklichung der Vision Schimpf und Schande auf sich zu laden, sich der Lächerlichkeit preis zu geben, bis in den Tod zu gehen. Das ist keine Frage des Willens, sondern der Veranlagung, so wie die Fähigkeit, unter Wasser zu atmen, auch keine Frage des Willens wäre. Besitzt der Künstler diese Unbedingtheit nicht, lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihm kaum.

Wenn man den Widerstand gegen den Schmerz aufgibt und sich ihm ganz überantwortet, steht am Ende nicht, wie ja befürchtet, die Auslöschung, sondern die Befreiung - das Erlangen einer unerwarteten, unerhörten geistigen Freiheit.

Hält einen geistig geschmeidig: Einmal am Tag blöd aus der Wäsche schauen, also erleben, dass sich eine liebgewonnene, in tiefem Brustton heraustrompetete Überzeugung - als falsch erweist.

Heute gilt „Lichtjahre“ von James Salter als einer der grössten amerikanischen Romane der Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg; doch als das Buch herauskam, war das öffentliche Urteil vernichtend. Es gipfelte in einer Kritik der New York Times, die mit den Worten schloss: „... ein verkünsteltes, verschnörkeltes, eigentlich törichtes Buch.“

Frei! Endlich frei! Frei von der Tyrannei der Meinung anderer, frei vor allem aber von der Tyrannei der eigenen Meinung! (Ror Bosch)

Grösse: Unabhängig sein von den Meinungen anderer und zugleich ein mitfühlendes Herz haben.