Der Geburtstag 
Christoph Meckel


O rauschender Flügel hinter meinem Rücken, 
willkommen, weitwandernder Tag
mein herrlicher Juni
am grünen Morgen wiederkehrendes Jahr!

Was ich einst verlor an den Tod, ein Jahrhundert
Liebe und Honiglicht, den goldgefüllten
Knochen all meiner Zeit — du bringst ihn mir wieder
im Traum, und rollst ihn
vor meine Füße.

Kühl und frisch
wie die Haut der Kirsche
steigt das Jahr aus der Schneeflocke in den Baum
wenn weißer Neumond Gras vom Hügel sichelt
am grauen Faden die Regenspinne tanzt —
bin ich schon lange hier, so lange schon
dass du mich suchst unter Toten
am irdischen Tag?

Aus einem Abgrund Tau und Kirschenblut
funkeln die abgestiegenen Tage Azur
und Schleierkraut; die Wildtaube gurrt
das Echo der Sintflut im Kirschgarten, einst
polternd mit Scheunen
Kontinenten aus Brombeer und Harz
Ochsgebrüll und Rauschgold Sonne
in alter Mitternacht, und wilde Möhre
schwimmt vorüber im Wind, der mir aus Schlaf
ein Haus baut zwischen Bächen
grün und jung —

Du mit der Weinhaut
und dem tosenden Maul,
Hagelkorn atmend, warm wuchernden Mohn und Nacht! 
Kirschkerne gewittern auf dem Schindeldach
des Paradieses, das schimmert und staubt
von Rauschgold Sonne
Küssen und Heu
und den fliegenden Ozeanen im Kirschenbaum.

Schon lange hier, schon lang
in weit wandernder Zeit
da du mich suchst unter Toten, da Tollkirschblut
und Regenbogen den schweifenden Nebel
spinnt der blau verhängt des Todes Dornenstrauch,
der Sonne, Heu und Honigmond ertränkt
in Mahlströmen alten
schwarzen Kirschenwassers.

O rauschender Flügel hinter meinem Rücken!
Willkommen weit wanderndes Jahr
mein herrlicher Juni
am grünen Morgen wiederkehrender Tag —
was du einmal mir gabst und dem Tod nicht, ein Jahrhundert
Liebe und Honiglicht, den goldgefüllten
Knochen all meiner Zeit - ich bring ihn dir wieder
im Traum, bevor du mich suchst, und tot
einst unter Toten findest
am irdischen Tag.