Nach einem Nachttraum

Am zweiten Sonntag nach Trinitatis wurde ich zum Priester geweiht; drei Wochen später brach der Krieg aus. Man beorderte mich zur Truppe, und zwar nach S..

S., wo die beiden Volksgruppen ein halbes Jahrtausend lang friedlich zusammen gelebt hatten, war buchstäblich über Nacht in zwei verfeindete Stadthälften zerfallen. Man erwartete, dass es hier in Kürze zu Kampfhandlungen kommen würde. Auf beiden Seiten wurden Truppen zusammengezogen; Panzer, die sich quer durch die Stadt hindurch gegenüberstanden, markierten die Grenze. 

An einem Frühsommermorgen stieg ich in S. aus dem Zug. Man stellte mir einen schnauzbärtigen Mann an die Seite, dessen offizielle Aufgabe es war, mir bei meinen täglichen Pflichten behilflich zu sein. In Wahrheit sollte er mich überwachen, denn die Militärs trauten den jungen Priestern nicht. Sie fürchteten, von uns könne Aufruhr ausgehen; dabei war ich alles andere als aufrührerisch. Ich war schüchtern und ängstlich, und ich hatte selten eine eigene Meinung zu den Dingen. Mein Wunsch war es, nach dem Krieg mein Leben in einem Kloster zu verbringen, weitab von der Welt. Ich wollte beten und schweigen; dahin ging meine Sehnsucht. 

Die Arbeit nahm mich ganz in Anspruch. Sie begann frühmorgens mit einer Messe vor einfachen Soldaten und endete erst um Mitternacht, wenn ich Offizieren die Beichte abnahm. Ich sank aufs Bett, kaum fähig, mir meinen Talar über die Schultern zu ziehen. Dennoch schlief ich nicht gut. Eine Unruhe, deren Ursache zu erkunden ich den Mut nicht hatte, riss mich immer wieder aus dem Schlaf und liess mich nach der Uhr schauen, die auf einem Stuhl neben dem Bett tickte. „Das ist die Angst vor dem Krieg“, sagte ich mir. 

Die Tage, die Wochen vergingen. Es wurde Herbst. Im Westen kämpfte man nun schon seit einem Vierteljahr, mit schweren Verlusten auf beiden Seiten. Eine Entscheidung war nicht abzusehen. Hier in S. war es immer noch still. Die Soldaten hatten sich in ihren Stellungen eingegraben, die manchmal nur durch die Breite einer Strasse oder eines Hinterhofes von denen des Feindes getrennt waren. Hin und wieder wurde ein Schuss abgegeben, wurde sogar jemand tödlich getroffen. Ingesamt jedoch herrschte eine ruhige Stimmung. Man rechnete nicht mehr mit dem Krieg und hoffte, dass man bald wieder nach hause fahren könne. „Die im Westen machen es unter sich aus“, war der allgemeine Tenor und die allgemeine Hoffnung – wohl auf beiden Seiten. 

Doch dann kam der 23. Oktober, ein Sonntag. Die ganze Woche über hatte es geregnet, und in den Löchern, die die Panzerketten in den Asphalt gerissen hatten, stand das Wasser. Es war kurz vor Mittag. Ich hatte eben einem Gefreiten, den ein Scharfschütze an der Schläfe getroffen hatte, die Letzte Ölung gegeben; nun sass ich in meinem Zimmer, die Hände auf dem Schoss und blickte durch das Dachfenster in den regenverhangenen Herbsthimmel hinaus. In wenigen Minuten würde ich die Treppe hinabsteigen und in der Kapelle die Mittagsmesse lesen… Da klopfte es an der Tür und mein „Assistent“ trat ein. Er klatschte in die Hände wie ein Kind.

„Die Messe fällt aus“, rief er. „Sie sollen sofort zum Kommandanten kommen!“

Der Kommandant stand hinter seinem Schreibtisch auf, als ich den Raum betrat. Auch das war ungewöhnlich. Die veränderte militärische Lage, so liess er mich wissen, erfordere es, dass ich das Wohnheim bis auf weiteres nicht mehr verlasse. Alle seelsorgerischen Pflichten seien ausgesetzt. Die Kantine würde mich und die anderen Priester weiter versorgen; das Essen würde ins Haus gebracht werden. 

„Der Gefreite Trebiç“, damit war mein Aufpasser gemeint, „kann Ihnen leider nicht mehr zur Verfügung stehen.“

Eine Soldatin geleitete mich zur Tür. 

Doch als ich auf die Strasse hinaustrat, ging ich nicht, wie mir angeordnet worden war, zurück zu meiner Unterkunft, sondern bog nach links ab, dem Marktplatz zu. Ich war selber überrascht von mir. Hielt man mich an und stellte mich zur Rede, würde ich nichts zu meiner Rechtfertigung vorbringen können; doch genau das übte jetzt einen so starken Reiz auf mich aus, dass ich mich über meine üblichen Bedenken hinwegsetzte.

Die Stadt war wie verwandelt. Mit entschlossenen Gesichtern marschierten Soldaten vorbei. Es hiess, ein Angriff sei geplant, ein Durchbruch in die feindlichen Linien hinein, der „Bewegung in die ganze Sache bringen“ sollte. Auf dem grossen Marktplatz hatten sich, neben den Soldaten, auch Hunderte von Zivilisten versammelt. Sie trugen Phantasieuniformen – grüne Stirnbänder, Hosen und Hemden, die sie mit Tarnfarben bemalt hatten – und schwenkten Gewehre in der Luft. Hurragebrüll ging hin und her. Ich mischte mich unter sie. Niemand nahm von meiner Anwesenheit Notiz. 

Am späten Nachmittag setzte der Zug sich in Bewegung. Die Soldaten marschierten in Zehnerreihen voraus; wir folgten ungeordnet. Kurz nachdem wir aufgebrochen waren, verfing sich mein Hintermann mit dem Gewehrlauf in meinem Talar und riss ihn – mag sein aus Absicht, mag sein aus Versehen – entzwei, so dass mir die beiden Fetzen links und rechts der Schultern herunterhingen, vorne nur noch durch die lange Knopfleiste zusammengehalten. Für einen Moment dachte ich, mich des schwarzen Talars vollends zu entledigen, doch aus irgendeinem Grunde behielt ich ihn an; das rettete mir später das Leben. Ich zog sogar den Gürtel aus meiner Hose – ich brauchte ihn nicht wirklich – und schlang ihn mir um die Hüfte, um so die beiden flatternden Hälften über dem ebenfalls schwarzen Hemd wieder zusammen zu binden. 

Das Marschtempo steigerte sich, es wurde still. Alleine das Stampfen der Stiefel war noch zu hören. Wir stiegen im Eilschritt zwischen Häusern eine Anhöhe hinauf; und als ich den höchsten Punkt erreichte, dort, wo die Strasse zu beiden Seiten hin abfiel und man einen weiten Blick über die Dächer der Stadt hatte, erkannte ich, dass wir uns bereits auf feindlichem Gebiet befanden. Der Himmel war bewölkt und wurde mit jedem Moment dunkler; es herrschte jene Stimmung kurz vor Einbruch der Nacht, in der das Firmament noch etwas Licht abstrahlt, die Strassenlaternen und auch die Lampen in den Häusern aber bereits eingeschaltet sind. Ich sah zudem, dass ich mich ungefähr in der Mitte unseres Zuges befand. Hinter mir marschierten rund zweihundert Bewaffnete die Anhöhe hinauf, vor mir eine ähnliche Anzahl in einer langen Schlange die Anhöhe hinab. Unten, zur Spitze des Zuges hin, verengte sich die Strasse. Sie wurde zu einer Art Damm, der erhöht zwischen den Häusern verlief. Die Enge des Weges bedingte, dass die Soldaten nicht mehr in Zehnerreihen marschieren konnten, sondern nur noch zu dritt oder zu viert nebeneinander; ebenso die bewaffnete Menge, die den Soldaten folgten. Das schwächte natürlich, im Falle eines Angriffes von den Seiten, unsere Position… Kaum war mir dieser Gedanke durch den Kopf geschossen, als ich von links und rechts kleine Lichter auf die Soldaten zufliegen sah; sie hoben sich gelb vor dem dunkelgrauen Hintergrund der Stadt ab. Den Lichtern folgten Bewaffnete. Ich konnte keine einzelnen Gestalten ausmachen, wohl aber eine allgemeine, pfeilartige Bewegung, die mit hoher Geschwindigkeit die beiderseitigen Böschungen des Dammes hinaufschoss und einen Keil in unseren Zug hineintrieb, so dass seine Spitze, etwa zwanzig oder dreissig Soldaten, abgetrennt wurde. Die Schreie, die zwischen den Salven der Maschinenpistolen zu hören waren, sagten mir, dass der Feind die Spitze aufrieb; und ich muss gestehen, dass ich, inmitten des Schreckens, den ich darüber empfand, ganz klar dachte: „Das alles geht mich nichts an. Das alles spielt sich dort unten ab, weit entfernt von mir. Ich habe genug Zeit, umzukehren, und hinter die Demarkationslinie zu flüchten.“

Doch das war falsch gedacht. Einerseits drängten mich die, die von hinten heranstürmten und noch nicht wussten, was sich abspielte, weiter vorwärts – und andererseits beliess es der Gegner nicht mit dem einen Keil, sondern von überall her drangen nun feindliche Soldaten auf unseren Zug ein. Ihre Gesichter waren helle Flecken in der Dämmerung. Unsere Seite hatte kaum Gelegenheit, sich zur Wehr zu setzen; Panik breitete sich aus, und schoben von hinten die einen, schoben von vorne die anderen auf ihrer Flucht wieder herauf. In diesem Durcheinander hatte der Gegner leichtes Spiel. Schon sprangen die ersten in direkter Nähe zu mir auf den Damm hinauf und machten sich mit Bajonetten über die Unsrigen her. Ich blieb bei all dem innerlich unbewegt, als träume ich das Ganze nur. Von denen, die unmittelbar um mich herum marschiert waren, überlebte keiner. Mich rettete wohl der Talar, der auch in der Dämmerung noch deutlich als solcher zu erkennen war. Ich sah, wie ein junger Milizionär weniger als einen Meter neben mir von Messern zerstochen wurde. Danach versagt meine Erinnerung. Es sind mir nur einzelne Bilder geblieben, die Augen eines feindlichen Soldaten zum Beispiel, die mir prüfend ins Gesicht schauen. Schliesslich erfasste mich die Welle des Feindes, riss mich herum und trug mich die Anhöhe wieder hinauf und über ihren Kamm hinweg. Man wollte nun auch den letzten Resten unseres Zuges, die sich auf der Flucht zurück zur Demarkationslinie befanden, den Garaus machen. Ich war umgeben von feindlichen Soldaten und Milizionären, denen aber ebensowenig wie vorher den Unsrigen meine Gegenwart auffiel; tatsächlich unterscheiden sich ja auch die Priester beider Landesteile weder in Konfession noch in Gewandung voneinander. Wie ich zu den Unsrigen aufschloss, weiss ich nicht. Ich befand mich plötzlich unter ihnen. Der Feind war wenige Meter hinter uns – wir stürzten über die Demarkationslinie – unsere Schützen eröffneten das Feuer – ich drehte mich im Laufen um und sah, wie die Kugeln in den Feind einschlugen und ihn in die Flucht trieben. Einigen aber gelang es, durchzubrechen, unter ihnen solche, die auf Motorrädern herangerast waren, und diese wurden nun durch gezielte Schüsse aus den Satteln geholt. Ihre Maschinen überschlugen sich, sie selber wurden durch die Luft geschleudert und prallten auf dem Boden auf, wo man sie an Ort und Stelle erschoss oder ihnen die Kehlen durchschnitt. Einen warf es vor meine Füsse. Sofort war eine Handvoll Männer über ihm, die seine Arme und Beine auf den Boden drückten. Die Männer leuchteten dem Gestürzten mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Sie zogen ihm den Helm vom Kopf. Seine Augen standen offen und blickten uns durchaus bewusst an. Der Aufprall hatte, trotz des Helms, den Schädel gebrochen. Man sah das an einer Verwerfung, die unter der hellen Haut quer über die Stirn verlief, etwa zwei Zentimeter oberhalb der Augenbrauen. Zwischen den Männern entspann sich eine kurze Debatte, die eher über Gesten als über Worte ausgetragen wurde, nämlich wie man den Verletzten töten solle, ob mit dem Messer oder der Pistole. Sie konnten sich nicht einigen. Sie sahen mich fragend an. Wieder überraschte ich mich selber, an diesem Tag, der durchaus nicht arm an Überraschungen gewesen war. Ich kniete mich neben den Gestürzten, packte mit der einen Hand sein Kinn und setzte die Finger der anderen Hand in die Verwerfung. Ein kräftiger Ruck - die Stirn war geöffnet. Die Augen brachen. 

Ich ging durch die Nacht zurück zu meiner Unterkunft. Mein Gesuch auf Entlassung, das ich gleich am nächsten Tag einreichte, wurde abgelehnt. Also floh ich aus S.. Im Landesinneren wusste ich ein Kloster, dessen Prior sich mehrfach in der Öffentlichkeit gegen den Krieg ausgesprochen hatte. Dort fand ich Unterschlupf.