Als ich Mitte der 80er Jahre in New York lebte, hatte die Stadt eine der höchsten Mordraten der westlichen Welt. Ich selber wurde mehrfach Zeuge und Opfer von Raubüberfällen, von “muggings”. Die Spannung auf der Straße war mit Händen zu greifen. Ich hatte häufig Angst, aber ich war auch fasziniert, so fasziniert, dass die damalige Stadt mit ihrem Schmutz und ihrer düsteren Bedrohlichkeit noch heute immer wieder in meinen Träumen auftaucht.

Häufiges Traum-Sujet ist die U-Bahn, die ich mehrmals täglich benutzen musste. Ich wohnte in Brooklyn, verdiente mein Geld aber, wie die meisten Leute, in Manhattan. Manchmal, wenn ich nachts nach hause fuhr, stellte ich mich bekifft in den offenen Durchgang zwischen  zwei Waggons und ließ mir den Fahrtwind ins Gesicht blasen. Das war natürlich hoch gefährlich und dazu streng verboten - aber es machte einen Höllenspaß. Die Luft roch nach Teer und Rauch; die Schachtwände, mit ihren roten und blauen Lichtern, rasten in unmittelbarer Nähe an mir vorbei; unter meinen Füßen krischen die Räder auf den Schienen. Wenn der Zug über eine Weiche sprang, wurde ich zur Seite geworfen.

In den stillgelegten Stationen, durch die der Zug mit vollem Tempo durchfuhr, konnte man junge Schwarze auf den Bahnsteigen sehen, wie sie in der Notbeleuchtung tanzten und - so nahm ich an - ihre Drogen nahmen. Die Wände waren voller Graffiti: Grotesk verzerrte Buchstaben und Comicfratzen, die im Vorbeirasen auf mein bekifftes Gehirn einen tiefen Eindruck gemacht haben.

Ich war ein paar Monate in der Stadt, als ein Weißer namens Bernhard Goetz in der U-Bahn eine Pistole zog und vier schwarze Jugendliche niederschoss, die ihn ausrauben wollten. Danach flüchtete er aus der U-Bahn, stellte sich aber neun Tage später der Polizei. Die allgemeinen Sympathien, auch die der Schwarzen, waren auf seiner Seite - so sehr litt jeder unter der allgegenwärtigen Kriminalität.

Eines späten Abends - ich war irgendwo tanzen gewesen oder hatte Freunde besucht - fiel mir ein Mann auf dem Bahnsteig auf, ein elegant gekleideter Schwarzer, der etwas abseits von den anderen stand. Irgendetwas faszinierte mich an ihm; in seiner Ausstrahlung, so kommt es mir heute vor, nahm ich Einsamkeit und Gewalttätigkeit wahr. Er trug einen Hut auf dem Kopf, wie ein Filmgangster der 30er Jahre. Um mein Interesse nicht auffällig werden zu lassen, wanderte ich in seiner Nähe auf dem Bahnsteig hin und her und beobachtete ihn dabei verstohlen. Als ich wieder einmal nur zwei, drei Meter von ihm entfernt war,  sagte er halblaut: “Wenn du nicht aufhörst, mich anzustarren, werfe ich dich auf die Gleise.”
Ich hatte keinen Zweifel daran, dass er seine Drohung wahr machen würde.