“Als ich noch gearbeitet habe…”
“Als Scharfrichter.”
“Genau. Als Scharfrichter. Meine Frau mag das nicht, wenn ich das sage.”
Seine Frau, die neben ihm am Fenster sitzt, lächelt und dreht den Kopf weg, der Landschaft zu, die draußen vorüberzieht.
“Aber ich finde immer, dass es besser ist, die Dinge beim Namen zu nennen. Europäer verstehen das nicht, ihr habt die Todesstrafe nicht. Aber als Amerikaner gibt es nichts, wofür ich mich schämen müsste, gar nichts.”
“Als Sie noch gearbeitet haben…?”
Aber er hat offenbar den Faden verloren. Er winkt mit der Hand ab, in einer privaten Geste, die nicht für mich bestimmt ist. Er blickt ebenfalls zum Fenster raus, wendet sich mir aber wieder zu.
“Es ist keine moralische Frage. Es ist eine mechanische Frage. Das ist es, was ich immer sage. Ursache und Wirkung. Wie bei einem Uhrwerk. Du machst was. Und das hat Konsequenzen. Du bringst jemanden um. Und dafür landest du auf der Liege.”
“Die Liege?”
“So nennt man die Vorrichtung, auf die die Delinquenten gespannt werden.”
“Welche Methode haben Sie verwendet?”
“Die Giftspritze. Früher hatten sie den elektrischen Stuhl, aber die Giftspritze wird inzwischen fast überall eingesetzt. In Texas haben sie noch den elektrischen Stuhl, soweit ich weiß.”
“Wie lange ist es her, dass Sie nicht mehr arbeiten?”
“Ich bin seit fünf Jahren pensioniert. Aber ich war nicht bis zum Schluss Scharfrichter. Die letzten zehn Jahre war ich der Pressesprecher des Gefängnisses.”
“Pressesprecher?”
“Es kommen ja ständig Medienleute, die was wissen wollen. Da war es gut, jemanden zu haben, der mit dem ganzen Vorgang vertraut ist.”
Der Zug erreicht den Bahnhof “Kalamazoo”. Es ist nicht mehr weit bis Chicago.
“Was haben Sie denen gesagt, wenn die gegen die Todesstrafe waren?”
“Dasselbe, was ich Ihnen auch gesagt habe: Es ist eine mechanische Frage.”
“Woher wollen Sie wissen, dass ich gegen die Todesstrafe bin?”
Er lacht kurz auf.
“Ich habe noch keinen Deutschen getroffen, der dafür war. Keinen einzigen. Ihr Leute habt all diese Juden umgebracht und seitdem fühlt ihr euch schuldig. Das ist meine Theorie. Aber die Leute, die auf die Liege kommen, haben alle ihre Strafe verdient. Ich weiß, was Sie als nächstes fragen wollen. Alle wollen das immer wissen.”
Er wirft einen raschen Blick auf seine Frau.
“Die Sache ist: Man weiß nie, ob man jetzt derjenige war oder nicht. Es gibt drei Hebel, aber nur einer löst den Vorgang aus. Man weiß nie, welcher. Drei Scharfrichter drücken gleichzeitig auf drei Hebel, aber nur einer funktioniert, und deshalb weißt du nicht, ob du es warst. Der Direktor persönlich ändert nach jeder Exekution die Anordnung, damit niemand dahinter kommt. Rein theoretisch könnte es sein, dass ich alle exekutiert habe oder auch keinen einzigen.”
Seine Frau rückt noch weiter von ihm weg, näher an das Fenster heran.
“Also: Meine Schätzung ist, dass es fünf waren. Ein Drittel von den fünfzehn. Das Gesetz der Wahrscheinlichkeit. So sehe ich das.”
“Haben Sie welche davon sterben gesehen?”
“Die Leute haben eine völlig falsche Vorstellung wegen all dieser Filme aus Hollywood. Du siehst nichts. Gar nichts. Das Beruhigungsmittel ist zu stark. Die schlafen einfach ein. Und dann setzt das Gift ein. Es gibt keine bessere Art zu sterben. Keine Schmerzen, nichts.”