Ich bin katholisch aufgewachsen, mit allem Drum und Dran, mit Beichte, Messdienst, abendlichen Gebeten, Liedern um den Adventskranz, mit Weihrauch und Kreuzweg. Entsprechend war ich ab meinem sechzehnten Lebensjahr überzeugter Atheist. Dann spielte mir jemand den Anfang der Matthäuspassion von Bach vor. Das “Sehet wen” des Eingangs warf mich buchstäblich zu Boden. Ich war Mitte dreißig. Meine Reise in die Religion begann.
Sie führte mich schließlich nach Amerika, in die Kirche eines schwarzen Pastors in St. Louis. Die Religiösität der Afroamerikaner, mit ihrem Zungensprechen und ekstatischem Tanzen hatte mich schon immer angezogen.
Von St. Louis fuhr ich zwei Wochen später nach Süden, in die Wälder von Arkansas, wo einer der Führer des KuKluxKlan lebte. Mir stand der Sinn nach Abenteuer. Dann kehrte ich nach Norden zurück und besuchte in Chicago einen katholischen Pfarrer, dem gerade wegen seiner Radikalität ein befristeter Hausarrest verordnet worden war. Eine Art heiliger Hass sprach aus ihm; er hatte ein faszinierendes, beunruhigendes Charisma.
In Chicago war es auch, wo ich das erlebte, was man eine Erweckung nennt. Angeleitet von einem Pastor, dessen Arm ich manchmal in Furcht, manchmal in Ekstase umklammerte, erfuhr ich am eigenen Leib, warum religiöser Glaube nach wie vor eine der stärksten Kräfte unserer Welt ist. Bemerkenswerter Weise war dieser Höhepunkt zugleich auch Schlusspunkt meiner jahrelangen Reise. Ich war im Zentrum dessen angekommen, was ich gesucht hatte. Ich verlor das Interesse.
Die vier Reportagen, die ich über meine Erlebnisse in Amerika schrieb, sollten in publik forum erscheinen, für das ich schon öfters gearbeitet hatte. Aus verschiedenen Gründen entschied ich mich am Ende dafür, nur eine zu veröffentlichen, die über den KuKluxKlan.
Ich bin schon lange nicht mehr gläubig, gottseidank, wie ich hinzufügen möchte; gläubig zu sein hatte mich immer eine gewisse Mühe gekostet, da ich mit Gewalt den dazwischenredenden Zweifel zum Schweigen bringen musste. Dabei ist doch der Zweifel etwas Kostbares, oder?
Trotzdem interessieren mich weiter die großen Fragen, und es ist zum Nachteil unserer Kultur, dass sie sie sich nicht mehr stellt. Ich fürchte sogar: Viel wird von dem, was wir gedichtet, gemalt, fotographiert oder komponiert haben, nicht bleiben, eben weil wir den großen Fragen ausweichen. Um Antworten geht es dabei gar nicht; aber eine künstlerische Leistung, die ohne Bewusstheit für den staunenswerten Abgrund erbracht wird, vor dem sich der Mensch bewegt, wird nie über den geschichtlichen Moment hinausweisen. So wird sie auch für spätere Generationen nicht bedeutsam sein können.