image



Im Krankenhaus, Sommer 2010: Gerade habe ich erfahren, dass das Geschwür, das man aus meiner Blase entfernt hat, ein bösartiges ist. Krebs.
Das Bemerkenswerte für mich, der das Foto im Abstand von zwei Jahren betrachtet, ist mein Gesichtsausdruck: Bitternis, Hass, Wut, ein vehementer Vorwurf.
Dabei konnte ich niemandem, auch mir selber nicht, einen Vorwurf machen. Von meiner Lebensweise her hätte ich keinen Krebs bekommen dürfen, ich war schlank, trieb regelmäßig Sport, rauchte nicht, trank nur selten etwas. Ich hatte, wie man so schön sagt, “alles richtig” gemacht. Auch gehörte ich nicht zu der für Blasenkrebs typischen Risikogruppe, den Malern und Lackierern.
In der Lotterie des Lebens hatte ich, der ja auch oft zu den Gewinnern gehört hatte, diesmal eine Niete gezogen. Der Zufall war zu meinen Ungunsten ausgeschlagen.
Aber das ist ja das Grauenvolle - die Tatsache, dass allzuoft eben der Zufall am Werk, dass man immer wieder den anonymen Kräften des Lebens machtlos ausgeliefert ist. Diese Wahrheit, der man sonst gewöhnlich ausweichen kann, ist ebenso niederschmetternd wie die Diagnose selber.
Ehe die Psyche sich ihr stellt, versucht sie  einen Schuldigen zu finden, eine Kausalität zu konstruieren, einen Damm aufzurichten gegen die Verzweiflung. “Der oder das ist schuld” - dann fühlt sie sich wenigstens nicht hilflos.
Die Verzweiflung kommt dann natürlich trotzdem irgendwann, sie kam auch zu mir. Man muss sie durchleiden, um das andere Ufer zu erreichen - ernüchtert, klüger und bereit, das Beste aus einer beschissenen Lage zu machen.
In meinem Fall zeigte sich, dass ich doch wieder einmal Glück gehabt hatte. Der Krebs war noch nicht so weit fortgeschritten, dass er hätte metastasieren können. Er befand sich zum Zeitpunkt der Operation in einem frühen Stadium. Ich darf, nach allem was die Ärzte sagen, davon ausgehen, geheilt zu sein.