In meiner New Yorker Zeit — vor rund 25 Jahren — war ich mit einer älteren Dame befreundet, die mich immer mal wieder zum Essen in ihre Wohnung lud. Das Essen war fürchterlich, die Wohnung noch dazu mit Kakerlaken verseucht, die über die Wände, den Fernseher, sogar den Esstisch liefen. Aber ich hatte damals wenig Geld und war nicht wählerisch.

Diese Dame, die von den Zuwendungen ihres greisen Vaters lebte, war eine unersättliche Leserin. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht zwei oder drei Bücher verschlang. Wohin aber mit all dem angestauten Wissen? Verwandtschaft hatte sie keine, wenn man von dem Vater absah, der allerdings vier Autostunden entfernt lebte; Freunde ebensowenig; und mit den Nachbarn lebte sie im Dauerstreit. Also musste ich als ihr Gesprächspartner herhalten, wenn ich ein- oder zweimal die Woche bei ihr abends am Tisch saß.

“Gesprächspartner” ist eigentlich das falsche Wort. Sie duldete es nicht, dass man ihr widersprach, ja, sie duldete es nicht einmal, dass man überhaupt etwas sagte. Mir war es recht. Ich hörte ihr zu und aß. Und wenn ich fertig gegessen hatte — meist servierte sie Spaghetti, auf die sie einen Becher Hüttenkäse kippte — blieb ich anstandshalber noch zehn, fünfzehn Minuten sitzen, um dann schließlich ihren Redefluss zu unterbrechen und mich zu verabschieden.

An einem Abend jedoch ritt mich der Teufel; vielleicht hatte ich schlechte Laune, vielleicht hatte sich auch einfach meine finanzielle Lage soweit entspannt, dass ich mich nicht mehr auf die alte Dame angewiesen fühlte. Jedenfalls legte ich zum ersten Mal in diesen Monaten Widerspruch ein. Sie behauptete, der Mensch sei gut, im Herzen gut; es sei die Zivilisation, die ihn in die Irre, ins Böse führen würde. Mord und Totschlag habe es unter den Urmenschen, den Jägern und Sammlern nicht gegeben. Wie auch? Die einzelnen Sippen lebten so weit auseinander, dass sie sich kaum über den Weg liefen.

Ich hatte damals gerade ein Buch von Peter Matthiessen gelesen, einem amerikanischen Romanautor und Naturforscher, in dem er sein Jahr unter den Steinzeitmenschen Papuas beschreibt. Mord- und Totschlag, wohin das Auge reicht.

Eines führte zum anderen, die alte Dame erklärte unsere Freundschaft für beendet und warf mich aus der Wohnung. Ich war gerade unten aus der Haustüre draußen, als einen Meter vor mir ein weißer Gegenstand knallend auf dem Bürgersteig aufschlug: Es war die Nudelschüssel, die ich eben leergegessen hatte.

Inzwischen weiß man, dass sogar unter Menschenaffen gemordet wird. Jane Goodall beobachtete Schimpansenstämme, die einander über den Zeitraum von mehreren Jahren regelrecht ausrotteten. Die Männchen lauerten sich gegenseitig auf, zertrampelten die Neugeborenen, vergewaltigten die Weibchen. Und dies nicht, weil es Futtermangel gegeben hätte. Offenbar genügte es, den anderen Schimpansenstamm als irgendwie “fremd”, “unverwandt” zu erkennen, um eine feindliche, ja, genozidale Haltung zu ihm zu entwickeln.