Toter kann man nicht sein. Man beachte den unnatürlich in die Länge gezogenen rechten Arm Jesu, den mehlsackartigen Rumpf, den Kopf, der wie der einer Marionette herabhängt. Die Haut ist von kreidiger Farbe und Textur. Der Mann, der unterhalb Jesu steht und gleich dessen ganzes Gewicht tragen wird, hat Mund und Nase beim Genital des Gekreuzigten. Aber was spielt das für eine Rolle? Der Messias ist ja tot, Schamhaftigkeit fehl am Platz. Jetzt geht es darum, eine Friedhofsarbeit zu erledigen, eine Leiche zu begraben.

Es ist die Darstellung einer vollkommenen Niederlage. Der Aufständische ist gescheitert. Wie es ein amerikanischer Autor, dessen Namen ich vergessen habe, einmal gesagt hat: Wenn du zu wenig liebst, ist das Leben sinnlos; wenn du zu viel liebst, kommen die anderen und bringen dich um.

Die anderen: Das ist auch der Reiche mit dem dicken Bauch und dem weißen Bart, der interessiert die Szene beobachtet. Er ist nicht nackt wie Jesus; er ist in kostbares Tuch gehüllt, eine Goldkette schimmert auf seinem Wams. Ein Turban, dessen Pflege sicherlich viel Mühe kostet und wahrscheinlich von einem Diener erledigt wird, schmückt seinen Kopf. Der Spazierstock unterstreicht das Feierabendliche, das Geruhsame, das Touristische seiner Stimmung.

Verbietet es sich, von hier - also dem Opfertod aus Liebe - auf die Terroristen zu kommen, die in den siebziger und achtziger Jahren Deutschland in Atem hielten, indem sie hinterhältig mordend durch die Republik zogen? Natürlich verbietet sich das! Und doch…und doch rührt mich der Lebensweg des Wolfgang Grams etwa, wie er in Andreas Veiels vorzüglichem Film “Black Box BRD” geschildert wird, ebenso zu Tränen wie dieses Bild von Rembrandt. Auch Wolfgang Grams oder Brigitte Mohnhaupt “liebten zuviel”; das Schicksal vietnamesischer Zivilisten oder afrikanischer Kinder ließ ihnen keine Ruhe. Angefeuert vom Zeitgeist begaben sie und andere sich auf einen fürchterlichen Irrweg, auf dem es nach einigen Schritten nur schwer noch ein Zurück gab. Ihre Gesichter verzerrten sich zusehends; es wurden die Gesichter von Mördern. Deutlich ist dies auch an der Sprache der Bekennerschreiben: kalt, unbarmherzig, von tödlicher Saloppheit.

Die menschliche Tragödie: Kein Kunstwerk drückt sie für mich so bewegend aus wie die Chaconne von Bach, von der Brahms sagte, sie sei “eines der wunderbarsten, unbegreiflichsten Musikstücke. Auf ein System, für ein kleines Instrument schreibt der Mann eine ganze Welt von tiefsten Gedanken und gewaltigsten Empfindungen.” Hier kann man sie hören: Bach Chaconne Gidon Kremer