“Willst du mit mir mit? Wir brauchen noch neue Bremsbacken.”

Mein zwölfjähriger Sohn, dessen Fahrrad ich repariere, nickt, rennt vor mir die Treppe herunter und springt ins Auto.

Wir nehmen die schöne Strecke, die schmale Asphaltstraße, die zwischen Wiesen und Feldern verläuft. Es ist Sommer, und der Teer ist besprenkelt mit den nassen Flecken herabgefallener und von den Autos zerquetschter Kirschen.

Doch das Radgeschäft, in dem ich normalerweise einkaufe, hat zu. Urlaub.

“Mitten im Juli?” Mein Sohn kann es kaum glauben.

Im Nachbarort gibt es ein weiteres Radgeschäft. In ihm war ich noch nie, weil mir mal jemand gesagt hat, es sei teuer und die Auswahl nicht so gut. Jetzt ist der Moment gekommen, es kennen zu lernen.  Wir fahren hin.

Drinnen riecht es nach neuen Gummireifen, wie in jedem Fahrradgeschäft. Die ältere, schwarz gekleidete Frau hinter der Theke erschrickt sichtbar, als sie mich sieht. Sie verschwindet ohne ein Wort durch eine Seitentür. Im Türfenster kann man sehen, dass sie einem jungen Mann mit ärgerlichem Gesicht ein paar Befehle zuwirft. Die Tür schwingt auf, der junge Mann kommt heraus und tritt hinter die Theke.

Ich erkläre ihm, was wir brauchen. Er bittet mich in einen Nebenraum, an ein Regal, an dem verschiedene Ersatzteile hängen. Ich zeige auf die Bremsbacken, die wir suchen, er nimmt sie vom Regal, wir folgen ihm zurück an die Theke.

Dort steht die schwarz gekleidete Frau wieder. Sie hat sich in der Zwischenzeit geschminkt: Ihre Lippen sind dunkelrot, die Wangen aufgefrischt mit Rouge.

Angst hat sie vor mir keine mehr. Sie strahlt und gibt mir das Wechselgeld mit einer siegreichen Handbewegung.

“Was war mit der Frau?”, fragt mich mein Sohn im Auto.

“Tja, wenn ich das wüsste. Ich habe sie noch nie vorher gesehen.”

“Des Menschen Seele ist ein tiefes, dunkles Wasser.”

Ich schaue erstaunt zu ihm rüber.

“Wo hast du denn das her?”

Er zuckt mit den Schultern.

“Irgendwo aufgeschnappt.”