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Süddeutsche Zeitung: Der Sog von Über die Grenze entwickelt sich wie die Reise; auf einmal ist der Leser mittendrin, fasziniert von all dem Fremden in den Augen des Erzählers und von der wechselvollen Gefühlslandschaft, die die Fahrt durch Asien in ihm auslöst. Alles bündelt sich im Augenblick, ob der Drogenrausch, die sexuellen Abenteuer oder der letzte Kraftakt mit dem Fahrrad. Es gibt kein Später und kaum Zurückliegendes, nur das Jetzt verharrt, dehnt sich aus und ist in seiner Unmittelbarkeit bestechend.

Neues Deutschland: Man ist geneigt, immer wieder zu zitieren, um für dieses Buch zu werben, das in seinem Umfang eher ein novellistischer Reisebericht, in seinen Dimensionen aber ein tiefgründiger Text ist, der aus klarer, bildreicher Sprache lebt. Alles Geschaute (…) scheint nicht in Sprache gebannt, sondern fast gebrannt zu sein. Rudolf von Waldenfels lehrt uns das Staunen im Sinne der alten Philosophen als Urgrund menschlicher Erfahrung und menschlichen Seins überhaupt.

Norbert Kron, rbb Kulturfernsehen: Rudolf von Waldenfels hat mit seinem Buch eine neue literarische Reise ins ‚Herz der Finsternis‘ angetreten. Ein expressiver Texttrip ins Nirvana, an dessen Ende er die Sinnfindung dem Leser überlässt. Wie kann der Held zu sich finden? Wie kann er sein wahres Ich spüren? Weil er im normalen Leben keinen Sinn findet, sucht er die Nähe des Todes, die Selbstauflösung im Orgiastischen.

taz: Vor allem gibt es kein Ankommen in einem besseren Leben. Dieser Verzicht auf eine geschlossene Geschichte mit spirituellem Überbau ist einer der großen Vorzüge dieses Reiseromans. Es hätte nahe gelegen, die Reise des Europäers als den Weg eines Seelensuchers zu formulieren – doch von Waldenfels vertraut lieber der Ambivalenz seiner Hauptfigur: Sie ist hin und her gerissen zwischen der leeren Wüste und den vollen Tavernen, zwischen Rausch und Enthaltsamkeit.

BZ: Faszinierendes Debüt.

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Über die Grenze, Miitteldeutscher Verlag, 2006

Ich hatte die Grenze überquert und fuhr nun nach Osten, Richtung Quetta. In diesem Teil Belutschistans war die Wüste eintöniger als auf der persischen Seite; weder gab es hier Berge – jene kahlen, faltigen, das Licht einfangenden Berge, die ich im Iran gesehen hatte –, noch gab es Salzseen oder alte Flussläufe. Die Piste verlief in einer geraden Linie über die Ebene. Wohin man schaute, man sah nichts als eine braune, gestaltlose Fläche, die einem ausgetrockneten Meeresboden glich.
Trotz des Gegenwindes kam ich gut voran; es gab nichts, was mich zum Anhalten verlockt hätte. In den wenigen Dörfern, durch die ich kam, grüßten mich die Menschen nicht; sie starrten mir hinterher, doch wenn ich sie ansah, wandten sie den Kopf ab. Es hieß, Belutschistan sei gefährlich, Ausländer, vor allem weiße, dürften sich nur unter Polizeischutz durch das Land bewegen. Man erzählte von Raubüberfällen, von Verschleppungen nach Afghanistan, sogar von Mord. Nach Sonnenuntergang, so warnte man mich, sei es lebensgefährlich, sich außerhalb geschlossener Ortschaften aufzuhalten.
Natürlich erschreckten mich solche Warnungen; sie schienen mir auch nicht übertrieben, wenn ich die harten Gesichter der Männer sah, von denen es keinen gab, der nicht ein Gewehr bei sich trug. Dennoch übernachtete ich in der offenen Wüste, und ich folgte auch so manchem Fremden in sein dunkles Haus. Die Gefahr reizte mich, sie öffnete mir die Poren und schärfte mir die Sinne.
Und ich liebte die Wüste! Das ewig Gleiche, das mich morgens empfing, wenn ich auf das Fahrrad stieg, das sich zum Mittag nicht gewandelt hatte und das sich auch abends unverändert wieder von mir verabschiedete, es begann einen starken Reiz auf mich auszuüben. Ich wurde süchtig nach der Langeweile, die die Wüste in mir hervorrief. Eingeschlossen in diese Langeweile war etwas Kostbares: innerer Friede.
Eines Tages, mitten im Nirgendwo, begegnete mir ein Junge; er lief schreiend hinter mir her, bis ich angehalten hatte. Er legte seine Hand auf meinen Arm und deutete auf ein zerfallenes englisches Fort, das in der Ferne zu sehen war. Dort wohne er, gab er mir zu verstehen; ich solle mit ihm kommen, eine Tasse Tee trinken.
Wir gingen schweigend nebeneinander her. Der Wind zerrte an unseren Haaren und ließ das lose Ende eines Packgurtes gegen den Gepäckträger knattern. Das Licht blendete so sehr, dass ich das Gesicht des Jungen nur für Momente sehen konnte. Vor dem gleißenden Hintergrund der Wüste sah ich kurz seine Augen, braune, mandelförmige Augen, sein schwarzes Haar, die hohen Wangenknochen, den schwarzen Bartflaum. Seine Füße waren nackt. Er war vielleicht siebzehn, achtzehn Jahre alt.
Das Fort wuchs. Seine ockerfarbenen Türme schoben sich vor uns in die Höhe, wir kletterten über eine eingestürzte Lehmmauer und kamen in den Innenhof, in dessen Schatten ein verkrüppelter Baum wuchs – das erste Grün, das ich seit Tagen sah.
Im Innenhof war es still. Draußen fegte der Wind vorbei, doch hier drinnen hörte man nur ein fernes Rauschen.
Der Junge führte mich in eine Kammer neben der alten Pforte. Sie war fensterlos, aber ein trichterförmiger Riss in der Außenmauer ließ Licht hinein. Es gab ein Schnurbett, ein Regal, auf dem gesprungene Porzellantassen standen, es gab einen Kleiderhaken an der Wand, es gab eine Feuerstelle, um die herum die Lehmmauer schwarz eingerußt war.
Ich setzte mich auf das Bett. Der Junge ging mit einem Teekessel hinaus zum Brunnen; ich hörte das quietschende Geräusch der Brunnenspindel. Dann kehrte er zurück. Er entfachte mit ein paar Papierschnitzeln das Feuer und setzte den Teekessel obenauf. Jede Bewegung seines Körpers war zielgerichtet und zugleich von einer bescheidenen Eleganz, die durch die Falten seines blauen Kaftans noch unterstrichen wurde. Hier, im Halbdunkel den Kammer, konnte ich jetzt auch das Gesicht des Jungen deutlich sehen. Es hatte etwas Katzenartiges an sich, der Blick wich meinem sofort aus, wenn er ihm begegnete, um sich aber dann von links oder rechts wieder heranzuschleichen.
Es war mir ein Rätsel, was den Jungen hier in die Einsamkeit verschlagen hatte. Wir stellten schnell fest, dass wir keinerlei gemeinsame Sprachkenntnisse besaßen; weder verstand er Englisch, noch Urdu, wovon ich einige Brocken beherrschte. Er schien auch nicht von hier zu stammen, einem Landstrich, der eher hellhäutige, fast europäische Gesichter hervorbrachte. Seine Haut war dunkelbraun und hatte jenen öligen Schimmer, den man mit dem tropischen Tiefland des Subkontinents in Verbindung bringt. Auch trug er keinen Turban.
Der Teekessel pfiff. Der Junge hockte sich nieder, schnippte den Deckel beiseite und streute ein paar schwarze Teeblätter ein. Er hob den Kessel von der Glut, stellte ihn auf den Lehmboden, griff zwei Tassen vom Regal und füllte sie. Ich rutschte hinunter vom Bett, dem Jungen gegenüber, und reichte ihm ein paar meiner Kekse, die ich immer als Mundvorrat bei mir trug.
Wir tranken schweigend unseren Tee. Durch den Mauerspalt konnte ich die Wüste sehen, deren Einzelheiten sich nun vollständig im Licht aufgelöst hatten; unmöglich zu sagen, wo die Sonne stand, unmöglich auch, die Horizontlinie zu erkennen.
Auf den Lichtbahnen, die über den Lehmboden liefen, hatten sich Fliegen gesammelt. Ihre Flügel glitzerten in der Sonne. Ich lehnte meinen Rücken gegen das Schnurbett; ich wurde müde. Das Geheimnis des Jungen, was auch immer es sein mochte, und vielleicht steckte ja gar kein Geheimnis hinter seiner einsamen Existenz hier in der Wüste, es verlor seine Anziehungskraft; auch mein Argwohn, der sonst immer wach war, schlummerte ein. Eine nachmittägliche Müdigkeit überkam mich, die mich wünschen ließ, hier, auf der Stelle, einschlafen zu können. Ich schloss für einen Moment die Augen.
Als ich sie wieder öffnete, hockte der Junge vor mir und starrte mich an. Sein Kaftan, der wie ein Zelt herabhing, verbarg seinen Körper. Die Augen waren unverwandt auf mich gerichtet. Mein Herz tat einen Sprung; heftig begann es zu schlagen. 

 
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[...] Ich war die ganze Nacht hindurch gefahren, und gelangte am frühen Morgen im Stadtzentrum von Bangkok an. Die großen Straßen waren leer; die Ampeln blinkten sinnlos über den verlassenen Kreuzungen. Ich fand den Weg zum Königspalast und von dort durch das chinesische Viertel zur Kao-San-Straße, in der sich die Absteigen für Rucksackreisende befanden. Ein Mann, der verloren zwischen all dem Müll die Straße fegte, führte mich für ein paar Baht zu einem billigen Hotel. Die Zimmertür schloss sich hinter mir, ich ließ mich auf das Bett fallen und sank in einen tiefen Schlaf. 
Als ich am Nachmittag in meinem abgedunkelten Zimmer erwachte, entdeckte ich über dem Bett ein leuchtendes, kirschkerngroßes Loch in der Wand. Ich kniete mich hin und schaute durch. 
Zu sehen war nichts, kein nacktes Pärchen, das sich auf dem Bett wälzte, nicht einmal Kleider oder ein aufgeschlagenes Buch, sondern nur das leere, meinem wie ein Spiegelbild gleichende Zimmer. 
Draußen, auf der großen Hauptstraße, tobte der Verkehr. Ich ließ mich durch die überfüllten Straßen treiben. Später, als es schon dunkel war, geriet ich in das Viertel, wo die großen Hotels standen und die Touristengruppen und Geschäftsleute abstiegen. Die Bürgersteige erstrahlten im Kunstlicht. Ein unablässiger Strom von Gesichtern floss an mir vorbei. Vor den Baugruben standen Thais und boten frittierte Fische feil. 
Ich bog um eine Ecke, stieg eine Eisentreppe hinauf, klopfte an eine Tür und wurde, nachdem man mich durch ein verspiegeltes Glasfenster betrachtet hatte, eingelassen. 
Westliche Unterhaltungsmusik schlug mir in ohrenbetäubender Lautstärke entgegen, eiskalt klimatisierte, süßlich riechende Luft. An einem Ende des Saales, in der Nähe der Tür, befand sich die Bar, am anderen Ende die hell erleuchtete Bühne, auf der sich eine nackte Frau bewegte. An der Decke drehte sich eine Spiegelkugel und ließ bunte Lichter über den Boden rasen. Es war noch früh am Abend. Außer mir befanden sich nur drei oder vier andere Gäste hier, die weit über den Raum verteilt saßen. Ich setzte mich und bestellte ein Bier. Nach ein paar Minuten kam ein Mädchen zu mir an den Tisch, doch als sie begriff, dass ich nicht interessiert war, verschwand sie wieder. Die Bühnenshow drohte mich in eine tiefe Depression zu stürzen. Ich stand bald auf und ging zur Bar. In der Hand hielt ich das abgezählte Geld. Ich wollte es auf die Theke legen und verschwinden, im Geiste sah ich mich schon draußen unter freiem Himmel. Ein Mädchen tippte ein paar Zahlen in ihre Kasse, riss den Bon ab und schob ihn mir hin. 
»Das muss ein Missverständnis sein”, dachte ich, als ich den Betrag las. Es handelte sich um das Hundertfache dessen, was auf der Karte angegeben war. Ich lehnte mich über die Bar und schrie durch den Lärm der Musik: »Betrag! Falsch! Nur ein Bier!” 
Das Mädchen schaute mich nicht an. Es verschränkte die Arme über der Brust und trat ein paar Schritte zurück, als wollte sie sagen: »Für alles Weitere bin ich nicht verantwortlich.” 
Ich erhielt einen Stoß in den Rücken, schnellte herum, und blickte in die entschlossenen Gesichter dreier Thais, deren enge Hemden ihre Muskeln betonten. 
Eine Welle kalter Verachtung überkam mich; sie verdrängte die Angst, die mich eben noch hatte zittern lassen, und ließ mich voller Geringschätzung auf diese drei Affenmenschen hinabblicken. Am liebsten hätte ich ihnen auf den Kopf gespuckt. Der erste Faustschlag traf mich in der Magengrube, ich knickte ein, ein weiterer Schlag in den Rücken ließ mich auf den Boden sinken, und während ich versuchte, die Lage zu begreifen, spürte ich, wie mir meine Hüfttasche abgezogen wurde, wie man mich über den Boden schleifte, wie man mich zur Tür hinaus ins Freie stieß. Ich hielt mich an einer Stange des Geländers fest – sonst wäre ich die Treppe hinabgestürzt. 
Unten, am Fuß der Treppe, musste ich mich übergeben. Man hatte mir mein Geld genommen, aber den Pass gelassen. Die Kreditkarte steckte immer noch in ihrer Geheimtasche unter der Hose. 
Es war noch nicht Mitternacht, als ich in meinem Hotel ankam. Ich riss die Fensterläden auf und ließ mich in der Dunkelheit auf das Bett fallen. Mir fiel das Guckloch ein – doch ich war zu erschöpft, um mich weiter darum zu kümmern. Ich sank in einen Halbschlaf, der mir quälende Bilder brachte. 
Nach einer Stunde schreckten mich Schritte draußen im Gang auf. Ich hörte einen Schlüssel klirren, eine Tür öffnete sich, und im nächsten Moment leuchtete auch das Guckloch auf. Sofort kauerte ich mich aufs Bett und schaute durch. Noch konnte ich nichts Genaues ausmachen, nur eines wusste ich sicher: es musste eine Frau sein, der Schritt verriet es. Ein Tuch wirbelte an meinem Auge vorbei, verschwand aus der Sicht, kehrte wieder. Kein Tuch, nein, ein Rock, ein lilafarbener Rock mit schwarzem Muster. Und gleich darauf eine Hand, schlank und sonnenbraun. Für einen kurzen Augenblick schwebte sie vor dem Guckloch. Dann war das Blickfeld auf einmal leer, als wäre das Zimmer wieder verlassen. Sie stand am Fenster, woanders konnte sie nicht stehen, denn den Rest des Zimmers überschaute ich. Eine kühle Berührung an meinem Auge, ein Luftzug, ein leises Scheppern – sie hatte das Fenster geöffnet. Stille. Und Stille. Was machte sie? Stand sie am Fenster und schaute hinaus? Angestrengt horchte ich durch die dünne Holzwand in den Raum hinein. Ich hörte – ein Atmen, ein tiefes, geräuschvolles Atmen. Sie rauchte. Sie stand am Fenster und rauchte. Ich ahnte, dass sie nicht mehr jung war. 
Als ich wieder durch das Loch schaute, stand sie vor dem Bett, mit dem Rücken zu mir. Sie war groß und schlank, ihr Haar blond. Offen und glänzend fiel es ihr auf die Schultern herab. Ihr T-Shirt lag eng am Körper an, so dass ich die Atembewegung der Rippen sehen konnte. Ihre Arme waren braun, braungebrannt von der Sonne. Zwischen T-Shirt und Rock, er schien aus Seide zu sein – zwischen T-Shirt und Rock verlief ein schmaler, ebenfalls brauner Spalt nackter Haut. 
Jetzt griff sie sich mit beiden Händen an den Nacken und öffnete den Verschluss einer Kette, die sich hinter dem Haar verbarg und im nächsten Moment klackernd auf dem Boden schlug. Sie zog sich das T-Shirt aus – kein Büstenhalter – und ich sah den schlanken Rücken, die Erhebungen der Wirbelsäule, die Schulterblätter, von denen sich eines kurz unter der braunen Haut aufrichtete, als sie sich an der Schulter kratzte. 
Dann löste sie die Bänder, die den Rock an seinem Platz hielten; der Rock rutschte die Hüfte, die Oberschenkel hinab und offenbarte die Unterhose, deren Weiß sich leuchtend von der dunklen Tönung der Haut abhob. Sie stieg aus dem Rock, zog sich mit einer raschen Bewegung, die Unterhose aus und richtete sich wieder auf. Sie stand da wie ein kleines Mädchen. Ich sah jede Falte an ihrem Hintern, jede Stelle, an der die Haut bereits rau und welk war. 
Graziös und überraschend schwungvoll legte sie sich aufs Bett. Vielleicht hatte sie vor langer, langer Zeit Ballett getanzt. Wieder hatte ich ihr Gesicht nicht gesehen, und jetzt, da sie lag, war es außerhalb meines Blickfeldes. Dafür konnte ich die Hände umso besser betrachten. Beide bedeckten den nackten Schoß, in einer Geste, die etwas anrührend Kindliches, Trostsuchendes hatte. Zwischen den Fingern kräuselte sich kastanienbraunes Schamhaar. 
Was geschah jetzt? Nichts. Ich wartete und wartete. Dann begriff ich, dass sie eingeschlafen war. Langsam, unendlich langsam und leise stand ich auf; uns trennte nur eine dünne Wand aus Holz, und sie sollte nicht einmal ahnen, dass das Zimmer neben ihrem bewohnt war. 
Ich verließ den Raum, kaufte mir etwas zu trinken und kehrte in das Hotel zurück. Sie war wieder aufgewacht: sie hockte auf dem Bett und legte eine Patience. Wenige Zentimeter vor meinem Auge griffen ihre Hände nach den Karten, mischten sie, breiteten sie mit leisem Patschen auf der Bettdecke aus. Das Deckenlicht war ausgeschaltet. Überall standen Kerzen, auf dem Tisch, auf dem Fußboden, und verbreiteten ein unstetes Licht. 
Sie setzte sich um, schob die Karten beiseite, streckte die Beine auf dem Bett aus, öffnete sie, spreizte mit einer Hand die Schamlippen und zog sich einen weißen Gegenstand aus dem Schoß, keinen Tampon, sondern etwas, das wie eine Zigarette aussah, wie eine Zigarette, die in klares Plastik eingeschlagen war. Sie setzte sich zurück in den Schneidersitz. Den Gegenstand, die »Zigarette«, legte sie neben die Karten, ohne ihn weiter zu beachten. 
Erneut sammelte sie die Karten auf, mischte sie, verteilte sie auf dem Bett, Runde um Runde. Draußen versank die Stadt in der Nacht. Ich sah die blonden, fast durchsichtigen Härchen auf ihren Armen; hörte das Rascheln ihrer Bettdecke, wenn sie ein wenig ihr Gewicht verlagerte; roch beinahe den Rauch ihrer Zigarette. Es war, als wären wir die einzigen noch
wachen Menschen; die einzigen Menschen überhaupt. Es gab nur noch mich und sie. Ihre Existenz füllte so sehr mein Bewusstsein aus, dass es mir unmöglich schien, sie könnte von meiner nichts ahnen. 
Da zerriss ein Klopfen an ihrer Tür die Stille. Wir beide erschraken. Sie sprang auf, stieg hastig in ihren Rock, und wollte schon die Tür aufsperren – da hielt sie im letzten Moment inne, kehrte zum Bett zurück, und schob sich, während das Klopfen ungeduldig wiederholt wurde, das Päckchen in den Körper zurück. Dann erst legte sie den Riegel um, und saß, noch ehe sich die Tür öffnete, wieder auf dem Bett. Nur sie und ich wussten, dass sie unter dem Rock nackt war, und dass sie dort etwas versteckt hatte. Ein Mann trat ein. Ich sah niedergetretene Ledersandalen, dreckige Zehennägel. Darüber flatterten bunte Hosenbeine, wie sie ein Thai nie tragen würde, wie sie aber unter den Hippies, die in Thailand lebten, Mode waren. Er grüßte, sie grüßte nicht zurück. Mit einem lauten, fast pathetischen Seufzer ließ er sich in den Stuhl fallen, der an der Wand gegenüber dem Bett stand, und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Von meinem Guckloch aus blickte ich ihm direkt ins Gesicht. Den Zügen nach war er Südeuropäer. Was mir zuerst ins Auge fiel, war das breite, leuchtendrote Stirnband, mit dem er seine schwarzen Locken zusammenhielt. Es stand im Gegensatz zur allgemeinen Ausgezehrtheit seines Gesichts, den Backenknochen, die durch die braune Haut spitz hervorstachen, den schmalen, geröteten Augen, den eingefallenen Wangen und nicht zuletzt dem Mund, dessen braune, wie eingetrocknete Lippen sich über schwarzen Stummelzähnen spannten. 
Was war nur mit ihm? Wie er da schweigend auf dem Stuhl saß, umgab ihn eine trotzige Anspannung – da begriff ich, dass er sich gedemütigt fühlte von ihr. Jetzt überlegte er, was er machen sollte. Wahrscheinlich passierte ihm das öfters, dass sie ihn ignorierte, ihn nicht zurückgrüßte. Er kippte den Stuhl nach hinten, so dass er gefährlich in der Schräge hing, und klopfte mit dem rechten Fuß auf den Boden. Tapp, tapp, tapp: für einen Augenblick war nichts anderes zu hören. Seine geröteten Augen huschten im Zimmer herum; dabei streiften sie mehrmals mein Guckloch. Und dann sagte sie doch etwas zu ihm, irgendetwas Kurzes wie »Hello” oder »Hi”. Zum ersten Mal hörte ich ihre Stimme, und da ich das Gesicht noch immer nicht kannte, wirkte sie umso stärker auf mich. Es war eine tiefe Frauenstimme. Sie klang müde, unerhört müde, ja, sterbensmüde, als könne sie gar nichts mehr berühren, gar nichts mehr interessieren, als habe sie mit allem abgeschlossen. Doch inmitten dieser grauen Müdigkeit verbarg sich noch etwas anderes, etwas Gläsernes, Splittriges. Ich ahnte Bitterkeit und Hass – und Hochmut. Vielleicht war es ja der Hochmut, der ihn an sie fesselte – denn er war an sie gefesselt, das hatten die wenigen Minuten ihres Zusammenseins, die ich beobachtet hatte, deutlich gemacht. Seine hektischen Gesten, sein fleckiges Hemd, seine dünnen Arme, sogar der harte, spanische Akzent, den er im Englischen hatte – all das wirkte zweitklassig und heruntergekommen. »Ein mieser Typ«, würde man denken, wenn man ihm auf der Straße begegnete. Von ihr dagegen strahlte ein Licht aus, ein kränkliches und kaltes Licht, aber ein Licht. 
Sie stritten sich. Er hatte sich zu ihr auf das Bett gesetzt, um sie zu umarmen, und sie hatte ihn abgewiesen. Jetzt stand er mitten im Zimmer und warf ihr mit einer heiseren Stimme Schimpfwörter ins Gesicht. Unbeholfen fuchtelte er mit den Armen. Sie rauchte ruhig eine Zigarette; gelegentlich erwiderte sie etwas. 
Von ihr sah ich die Hände, die Beine, manchmal kurz das Haar, wenn sie den Kopf drehte. Von ihm den Oberkörper, das Gesicht und die Arme. 
Dann änderte er abrupt seinen Ton. Er setzte sich wieder auf den Stuhl zurück und schaute sie kopfschüttelnd an, als wollte er sagen: »Du bist so schön, dass ich es kaum fassen kann!” Sein Gesicht verzog sich zu einer schmachtenden Grimasse; man wusste nicht, meinte er es ernst, oder machte er sich über sie lustig. Er legte die rechte Hand aufs Bett, ganz in die Nähe ihres Knies, und murmelte lockend und schmeichelnd immer wieder einen ganz bestimmten englischen Satz, den zu verstehen ich eine Weile brauchte: »Gib’ mir das Geld.« Sie regte sich nicht, als wäre sie festgefroren. Weder antwortete sie, noch schob sie die Hand weg, die sich inzwischen auf ihr Knie gelegt hatte. Seine Stimme wurde leiser. Sie bekam einen drohenden Unterton. Zwischen den Sätzen lagen Pausen, als wollte er ihr Zeit geben, sich doch noch eines Besseren zu besinnen. 
Doch plötzlich sprang sie mit einem gellenden Laut auf, holte nach ihm aus, er duckte sich, sie warf sich herum und verschwand zum Fenster hin. Ein Gegenstand landete auf dem Bett, ein zusammengeknüllter Geldschein, nein, mehrere zusammengeknüllte Geldscheine. Sie lagen nicht weit vom Guckloch. Er stand auf und griff sie sich. Die Tür klapperte, ich hörte seine Schritte vor meiner Tür, dann auf der Treppe, die zum Ausgang hinunterführte. 
Sie schloss die Tür ab und ließ sich auf das Bett fallen. Das Guckloch wurde schwarz. Ihr Rücken verdeckte es. Ich hätte meinen kleinen Finger hindurchstrecken und sie berühren können. 
Wieder Licht. Ihr Rücken wurde kleiner. Sie stand vor dem Bett, zog sich die Unterhose an, schaltete die Deckenlampe an, blies die Kerzen aus. Sie setzte sich auf die Bettkante und rauchte. Immer wieder warf sie
den Kopf zur Seite, als störe sie das Haar in ihrem Gesicht. Ihre ruhigen, etwas zu tiefen Atemzüge waren mir inzwischen vertraut. 
Ich legte mich aufs Bett, mit dem Vorsatz, mich nur einen kurzen Moment auszuruhen; die Stellung, in der ich vor dem Loch gekauert hatte, hatte mich angestrengt, ich spürte jetzt auch den Fausthieb, den ich, wie lange war das her!, in meinen Magen erhalten hatte – doch ich schlief ein. 
Als ich erwachte, war es vier Uhr in der Frühe. Im Nachbarzimmer brannte immer noch Licht. 
Sie war nicht zu sehen. Der Spanier, wenn er denn ein Spanier war, hockte auf dem Boden vor dem Bett und starrte mir ins Auge. Er sah mich nicht. Sein Blick war nach innen gewendet. Die Lider hingen halb herab, sie hielten sich nur mit Mühe oben. Der Kopf schwang hin und her. Das Stirnband war in die Höhe gerutscht, ein Nicken mit dem Kopf, und es wäre heruntergefallen. Der Mund stand offen und zeigte die braunen Zähne, wie in Ekel oder wie in großer Erschöpfung. Drogen, ohne Zweifel. 
Wo aber war sie? 
Dann entdeckte ich ihre Füße. Sie lagen direkt vor dem Guckloch, brav nebeneinander wie zwei Schulmädchen, die an einer Kreuzung stehen und die Straße überqueren wollen. Auf dem linken Fuß klebte ein Pflaster, durch das ein runder Blutfleck zu sehen war. 
Ich rückte den Stuhl vor das offene Fenster und erwartete dort den Morgen. Ein Flugzeug zog weit oben vorüber; einmal hörte ich den Spanier husten, und sie seufzte etwas mit ihrer müden Stimme. 
Trotz meines Schlafmangels fühlte ich mich am nächsten Morgen voller Energie. Mein Entschluss stand fest: Ich würde noch heute Bangkok verlassen, um wieder unterwegs zu sein. 
Ich brachte mein Gepäck auf den Flur hinaus, da sah ich zu meinem Schrecken, dass ihre Tür offenstand. Ich trat näher. Sie stand am Fenster, mit dem Rücken zu mir, und kämmte sich ihre prächtigen Haare. Sie trug einen weißen Rock, ein weißes T-Shirt, goldene Sandalen. Verstohlen suchte ich das Pflaster mit den Augen. 
Ich klopfte an den Türrahmen. »Guten Morgen.« Der Schreck fuhr ihr sichtbar durch den Körper, 
doch gab sie ihm nicht nach, sondern zwang ihn sofort nieder. Ihre Schultern hoben sich, sie drehte sich um, wobei sie sich den Kamm weiter durch ihr Haar zog. 
Mein Gott – ihr Gesicht ließ mich an ein kostbares Gemälde denken, das jemand in böser Absicht zerkratzt hat. Es musste früher sehr schön gewesen sein, und auch jetzt noch konnte man sich in diesen blauen Augen verlieren, die so viel Intelligenz und Verwundbarkeit ausstrahlten. Wangen, Stirn und Kinn waren wie verwüstet. Das waren nicht die normalen Falten des Älterwerdens, diese Risse und Scharten – das waren die Spuren eines heftigen Lebens, das an sich selbst gescheitert war. 
»Ich bin der Nachbar von nebenan, ich wollte mal guten Tag sagen.« 
Ihre blauen Augen trafen mich wie Scheinwerfer. Misstrauisch tasteten sie mein Gesicht ab. 
Der zernarbte Mund jedoch verzog sich zu einem Lächeln. 
»Ach, das ist nett von Ihnen. Sehr nett von Ihnen. Kommen Sie doch herein.« 
Sie sprach hervorragend Englisch, mit einem schwachen mitteleuropäischen Akzent. 
Ich trat ein. Das Zimmer roch nach Zigarettenrauch und nach leichtem, frühlingshaftem Parfüm; ihrem Parfüm. 
Konnte sie meinen Augen ansehen, wie gut ich ihr Zimmer kannte? 
Sie legte den Kamm beiseite, griff nach ihren Zigaretten, zog eine heraus und steckte sie in den Mund. Sie hielt mir die Packung hin und fragte mit einladendem Blick: 
»Wollen Sie auch?« »Ich bin Nichtraucher.« Schon war sie verletzt. Ihr Lächeln erlosch. Sie zog die Packung zurück und beugte sich über die Flamme ihres Feuerzeugs, um sich die Zigarette anzuzünden. 
»Ach ja, Sie sind ja Sportler. Sie fahren ja Rad. Der Mann unten am Empfang hat so etwas gesagt.« 
Sie blies den Rauch in den Raum und sah mich prüfend durch den Schutz der Wolke an. 
»So, so, ein Sportler ... Und – sind Sie schon lange unterwegs?« 
»Erst seit ein paar Monaten«, log ich. »Na, dann müssen Sie ja kräftige Beine haben.« Ich senkte verlegen den Blick. Dies ausgerechnet aus ihrem Mund zu hören, war mir unangenehm. Sie deutete meine Befangenheit als neuerliche Zurückweisung. 
»Wieso, stimmt doch. Wenn Sie seit Monaten Rad fahren, dann werden Sie doch jetzt kräftige Beine haben, oder?« 
Verärgert blickte sie zur Seite und zog an ihrer Zigarette. 
Plötzlich wollte ich sie berühren, sie an der Hand nehmen – mehr, ein heftiges Verlangen nach ihr packte mich. Ich wollte auf der Stelle mit ihr schlafen; ich wollte ihr so nah wie möglich sein und meine Hand über ihr blondes Haar gleiten lassen. 
Ich ging einen Schritt weiter in den Raum hinein. 
»Und Sie, wie lange sind Sie schon unterwegs?« Überrascht von der Wärme in meiner Stimme
schaute sie auf. Ihr Blick zuckte über meine Augen. Ich begriff, wie sehr sie sich vor mir fürchtete; wie alt und verloren sie sich fühlte. 
Der Moment der Offenheit währte nur kurz. Ihre Augen waren wieder hart. 
»Ich?« Sie zog an der Zigarette. Mit einer melodramatischen Kopfbewegung warf sie sich das Haar aus dem Gesicht. 
»Ich bin schon lange unterwegs. Schon sehr lange. Aber ... ach, reden wir nicht davon.« 
Sie legte eine Pause ein. Dann: »Sagen Sie mir lieber, aus welchem Land Sie kommen.« »Aus Deutschland.« »Oh, aus Deutschland. Dem Land von Goethe und Goebbels.« »Ja, genau aus dem.« Dann sagte sie auf Deutsch, nüchtern: »Ich komme aus der Schweiz.« Ihre Stimme klang im Deutschen viel unmittelbarer. Es war, als stünde sie plötzlich direkt vor mir, und nicht ein paar Meter entfernt am Fenster. 
Ich brachte es nicht fertig, ins Deutsche zu wechseln, und sagte auf Englisch:
»Wo – wo fahren Sie als nächstes hin, was ist Ihr nächstes Ziel?« 
»Mein nächstes Ziel? Vielleicht Indien, wer weiß.« Auch sie sprach wieder Englisch. 
»Ich habe dort einen guten Freund, einen sehr guten Freund. Er ist krank, wie mir jemand erzählt hat. Was, wenn er bald stirbt?« 
Sie nahm einen Zug von ihrer Zigarette. »Und Sie, wo fahren Sie hin?« »In den Nordosten, zu einem Kloster vielleicht ...« »Ach, Sie wollen meditieren. Das ist gut. Das habe ich früher auch gemacht. Das hat mir sehr gut getan. Leider sind dann einige Dinge passiert, Menschen, die nicht gut zu mir waren – ich konnte nicht weiterüben. Und das tägliche Üben ist das Wichtigste. Üben Sie jeden Tag. Das ist gut für Sie.« 
Ich hörte ihr nur mit einem Ohr zu. Eine namenlose Sehnsucht, eine Trauer, die mir die Kehle zuschnürte, war über mich gekommen. Ich rang um Fassung; währenddessen plapperte ihre Stimme fort. 
»Ach, was ich schon alles getan habe in meinem Leben! Was ich schon alles gesehen habe! Ich könnte ein Buch darüber schreiben. Ich sage Ihnen, ich könnte wirklich ein Buch darüber schreiben! Die Leute würden mir gar nicht glauben!«, rief sie begeistert aus. 
»Was ist mit Ihnen?«, unterbrach sie sich. »Ist Ihnen nicht gut?« 
Ich stürzte auf sie zu und schlang meine Arme um sie. Tränen brachen aus mir heraus. Ihr Körper blieb steif; ihre Hand klopfte mir beruhigend auf die Schulter. Ich spürte ihre Verlegenheit, ihren Widerwillen. Ich klammerte mich noch fester an sie, ich presste ihren mageren Körper an mich; ich war entschlossen, ihren Widerstand mit meinen Tränen zu brechen. 
Doch sie löste sich von mir und trat seitwärts aus meiner Umarmung heraus; ihr Gesicht war zu einer schiefen Grimasse erstarrt. Sie zündete sich mit zitternden Händen eine Zigarette an und drehte mir den Rücken zu. 
Ich setzte mich aufs Bett. Ich verbarg mein Gesicht in den Händen; ich schämte mich sehr. Gleichzeitig fühlte ich mich leer; ich fühlte mich müde, ich wäre gerne auf der Stelle eingeschlafen. 
Da hörte ich Schritte draußen auf dem Flur. Ich sah auf; und in der Angst, es könnte der Spanier sein, sprang ich hoch und verließ das Zimmer. Ich begegnete ihm nicht draußen im Flur, wie ich gefürchtet hatte, sondern einen Moment später, als ich mit meinen Packtaschen die Treppe hinabging. Ich kannte ihn ja; ich glaubte sogar zu wissen, wie er roch. Er hingegen hatte mich noch nie in seinem Leben gesehen. Als er sich auf der engen Treppe an mir vorbeischob, rempelte ich ihn mit den Taschen an. 
In sein verdutztes Gesicht hinein, ein graues, übernächtigtes und von den Drogen gezeichnetes Gesicht, rief ich: 
»Kannst du nicht aufpassen, du Idiot!« »Ich hab doch gar nichts gemacht ...!« »Du Junkie, du gottverdammter Junkie!« Unten, auf dem Absatz der Treppe, zeigte sich der Besitzer des Hotels, wahrscheinlich von meiner lauten Stimme herbeigeholt. Ich rief zu ihm hinunter: 
»Hier im Hotel gibt es Junkies! Ein Mann und eine Frau! Überall liegen Spritzen! Das ist widerlich! Ich ziehe aus!« – 
Keine drei Minuten später, ich stand noch am Empfangstisch und wartete auf mein Wechselgeld, zogen die beiden an mir vorbei. Der Spanier schleppte einen roten Koffer, sie marschierte vorneweg, den Kopf leicht erhoben, den Blick geradeaus. Die Eingangstür klappte hinter ihnen zu, dann waren sie auf der Straße verschwunden. 
Sobald die Stadt, die sich endlos in die Ebene erstreckte, hinter mir lag, nahm ich meinen alten Rhythmus wieder auf. Die Nächte verbrachte ich, unter Hinterlassung einer kleinen Spende, in den Klöstern entlang der Straße; so konnte ich mich abends immer waschen und auch sicher sein, nachts nicht aufgestört zu werden. Wie ehedem ging ich beizeiten, um sieben, spätestens acht Uhr schlafen, stand Stunden vor Sonnenaufgang auf und schrieb Tagebuch, bevor ich in der Morgenstille aufbrach. Ich hatte mir eine Strecke ausgesucht, die nicht weit von der kambodschanischen Grenze nach Osten führte, nach Laos; hier war das Land flach und leer, es gab keinen Verkehr, und die Menschen freuten sich über die Abwechslung, die ein Fremder brachte. Alle zwanzig bis dreißig Kilometer passierte ich einen Kontrollpunkt der Armee. 
Jeden Morgen, wenn der Asphalt noch von der dünnen Haut des Taus bezogen war, fuhr ich in das Dämmerlicht des anbrechenden Tages hinaus. Ich sah, während meine Muskeln warm wurden und das Blut die Nachtträgheit abschüttelte, wie am dunklen Horizont ein erster Schimmer erwachte und die Dunstfetzen, die dort hingen, als zarten, weißen Flaum sichtbar machte. Noch war die Ebene ohne Farbe, und die seltenen Bäume standen schwarz vor dem fleckigen Grau des Bodens. Der Schimmer am Horizont weitete sich, er färbte sich violett ein, das Violett wurde inniger, es wurde dunkler und leuchtender, da schossen alle Tönungen des Regenbogens aus ihm heraus, strömten an den Rand des Himmels, und aus einem überaus majestätischen Gelb stieg nun die Sonne auf, dunkelrot zunächst, doch rasch und immer rascher zu einer grellweißen Scheibe werdend. Gleichzeitig färbte sich der Steppenboden rot, die Bäume und Sträucher sprangen grün auf, und das verdorrte Gras nahm eine gelbe, goldene Färbung an, die dem Land seinen traumverlorenen Charakter verlieh. Schatten streckten sich über den Boden und unterlegten das Gold mit ihrem schwarzen Kontrast. Später, gegen Mittag, würden sie wieder einlaufen, um am Nachmittag erneut zu wachsen, dann allerdings aus der entgegengesetzten Richtung. 
Mit dem Sonnenaufgang kam der Wind. Ich war in einer vollkommenen Stille aufgebrochen, einer Stille, die so dicht war, dass man sie sehen konnte, so wie man Wasser sehen kann – doch nun brach ein Rauschen und Zerren los. Der Wind, dem sich nichts entgegensetzte, selten nur ein Haus oder eine Mauer, fegte über die Ebene und trieb Staub und Blätter vor sich her. Hatte ich ihn gegen mich, dann kroch ich, schob er mich von hinten an, dann flog ich über das Land. 
Nach einer Weile zwang mich der Hunger, anzuhalten. Am Straßenrand, an einer Bude, deren Besitzer mit zusammengekniffenen Augen in die Morgensonne hinauskam, nahm ich Tee und Rührei zu mir. Ich hielt nie lange, aß nie viel, denn vor mir lagen die Stunden, in denen ich die meiste Strecke machte. 
Dieses flache, von der Sonne so rückhaltlos bestrahlte Land, war überstreut mit Ruinen der Khmer. 
Riesige Köpfe standen auf den Mauerresten und blickten über die Steppe. Ihre Silhouetten ragten dunkel vor dem Abendhimmel auf; morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen ihren körnigen Stein erfassten, leuchteten sie in einem blassen Rot. Mittags allerdings, im blendenden, grellen Licht, waren sie kaum zu sehen; sie flimmerten wie der Himmel, und wenn man nahe an sie herantrat, brach einem der Schweiß aus, so sehr strahlten sie die Hitze ab.